
Ein kleines Feld am oberen Rand der Azienda Agricola von Karl Hoffmann, etwa 3000 Quadratmeter von den insgesamt 8 Hektar Land rund um unser kleines Häuschen. Zu klein, damit der Nachbar mit seinem großen Traktor damit etwas anfangen konnte. Zu groß um es verwildern zu lassen. Von dort oben hat man eine herrliche Aussicht auf die Kirche gegenüber, auf den Olivenhain, der hunderte Jahre alt ist und von wo aus der Blick hinunter ins Tal geht bis hin zum Meer, das an den vielen sonnigen Tagen tiefblau den Horizont bildet. Ein ideales Fleckchen zum Verweilen, sich auszuruhen oder auch, um Oliven zu ernten. Nur: es mussten erst Bäume gepflanzt werden.
In der Bar, beim gemeinsamen Espressotrinken, hielt man mich für verrückt: du willst noch neue Bäume pflanzen? Hast du noch nicht genug davon? Wer soll die pflegen, wer soll die mal ernten? Und der Klimawandel, die Missernten, die Trockenheit und die Olivenfliege? Lohnt sich das denn überhaupt noch, dort oben auf dem Hügel, mit zwar schöner Aussicht, prachtvoll gelegen, vom Dorf aus gut zu sehen inmitten der Felder und der alten Olivenhaine, die seit Jahrhunderten von fleißigen Bauern bestellt wurden, die es heute praktisch nicht mehr gibt. Aber mühsam zu erreichen. Neue Bäume, kleine, winzige Pflänzchen, die erst zu prächtigen Monumenten geworden sein werden, wenn es dich schon lange nicht mehr gibt?
Ich ließ mich nicht beirren, hielt es mit Martin Luther, der noch ein Bäumchen gepflanzt hätte, selbst wenn die Welt am Tag danach untergangen wäre.
Das kleine Feld wurde im Herbst einmal tief umgepflügt, um das Erdreich für die zarten Wurzeln der neuen Pflanzen locker zu machen. Der Boden ist zwar gut geeignet, lehmig, was die Bäume mögen, wenn sie groß sind, aber zu hart für Jungpflanzen, wenn die sommerliche Sonnenglut das Erdreich austrocknet.
Dann wurde das Feld vermessen, sechzig mal 45 Meter, in etwa, nicht rechtwinklig, sondern an der Westseite abgeschrägt, kurz und gut: bei einem Abstand von sechs Metern zueinander wäre Platz für 119 Bäume. Macht zusammen mit den bereits 400 Bäumen verschiedener Generationen, gepflanzt jeweils im Abstand von zehn bis 15 Jahren eine staatliche Familie mit über 500 Mitgliedern. 119 junge Bäume sind auch nicht billig, mindestens 15 Euro das Stück. Und vor allem: welche Sorte.? Natürlich die hier besonders geschätzten Raggiola-Olive. Sie wird groß und ist ergiebig, hat festes Fleisch, bleibt meist eher dunkelgrün und ergibt hervorragendes Öl. Ideal für das hiesige DOP-Öl, das einzige, das dieses europäische Qualitätssiegel in der Region Marken bekommen hat. Dann ein Glücksfall wie ein Fingerzeig: unserem DOP-Konsortium, das die Produktion des besonders hochwertigen Öls überwacht, wurden mehrere Hundert Jungpflanzen aus einer Versuchsreiche der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität in Ancona günstig angeboten. Den Wissenschaftlern ist es gelungen, die originale Raggiola-Sorte von Cartoceto nach zu züchten, die vor Jahrhunderten hier bereits verbreitet war und das hiesige Öl besonders wertvoll gemacht hat.
Die kleinen Bäumchen kamen auf den Hain, der sorgfältig abgesteckt war mit Stangen, an denen sie sich halten können, bis sie groß genug sind, um auf ihrem eigenen Fuß zu stehen.
Während sie sorgfältig in die Erde gesetzt wurden, ging das Baumsterben im Nahen Osten weiter. Beinahe täglich erreichen uns Meldungen von Übergriffen von Siedlern und Soldaten auf palästinensische Bauern. Zwei Drittel von ihnen wurden im vergangenen Herbst daran gehindert, ihre Oliven zu ernten. Im vergangenen Oktober wurden 200 Hektar Olivenhaine, über 3000 Pflanzen in der Nähe von Betlehem zerstört, angeblich aus Sicherheitsgründen. Mit Bulldozern werden sie aus dem Boden gerissen, mit Chemikalien vergiftet, um sie sterben zu lassen. Es ist Teil der Strategie der langsamen Vertreibung der angestammten Bevölkerung. Für die palästinensische Bevölkerung bedeutet das Verzicht auf ein wichtiges Nahrungsmittel und gleichzeitig eine unverhohlene Beleidigung ihrer Lebensweise und ihres Glaubens. Für Muslime ist der Olivenbaum heilig, er gilt als die Säule der Welt, Es ist der Baum der Armen, er symbolisiert Durchhaltevermögen und Ausdauer. Doch während des Gaza-Krieges hatten die Olivenbäume keine Chance. Praktisch alle Bäume – etwa eine Million - sind dem Bombenhagel aus Israel zum Opfer gefallen. Die Bewohner, die in Zelten hausen müssen sich mit importiertem Sonnenblumenöl begnügen, weil es auch keine funktionierenden Ölmühlen mehr gibt.
Das hat uns alle mit Entsetzen erfüllt, die wir selbst Olivenbäume hegen und pflegen und wertvolles Öl herstellen, oft nur in kleinen Mengen, die zwar hochgeschätzt sind, aber keine Lebensgrundlage mehr für die Bauern bilden. Olivenhaine in der wunderbaren Hügellandschaft der Marken zu pflegen oder gar neu zu pflanzen erfordert Mühe und Idealismus. Deshalb sind die jüngsten Neuanpflanzungen auch vor allem symbolischer Natur. Mein Freund Martin hatte die Idee, den neuen Olivenhain ins Netz zu stellen: Notizen aus der Oliven-Kita, schrieb er mir. Und ich gab ihr einen Beinamen. Denn die Olivenbaum-Kindergärten stellen die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg und Zerstörung dar, deshalb nennen wir sie „Olivenbäume des Friedens“, „Ulivi della Pace“, „Trees for Peace“. Sie erhalten eine besondere Kennzeichnung und werden künftig Orte sein, an denen Menschen zusammenkommen, um sich für Frieden und gegen den Krieg einzusetzen. Von hier aus soll der Gedanke verbreitet werden, überall dort, wo Olivenbäume wachsen, eine Gemeinschaft zu schaffen, die der Würde des Olivenbaumes als Symbol des Friedens gerecht werden. Für unsere Friedenshaine suchen wird Paten, die mithelfen, die Bäumchen zu pflegen, damit sie wachsen und gedeihen.
Die Universität von Ancona hat mir noch weitere 190 junge Olivenbäume zur Verfügung gestellt, um die sich alle bewerben können, die unsere Initiative unterstützen wollen.
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