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Belusconi und der Niedergang der Politik.


Ein Beitrag von KARL HOFFMANN, Juli 2003

Cherchez la femme sagen die Franzosen. Auch bei den Italienern steckt hinter allem eine Frau, allerdings eine ganz spezielle: die Mamma. Das gilt für klein und groß, auch für den – nach eigenem Bekunden allergrößten, Silvio Berlusconi. Ohne die Mamma wäre er heute nicht das, was er ist. Als er sich damals , im fernen Jahre 1993 mit der Frage herumquälte, ob er von den Höhen unternehmerischer Alleinherrschaft in die Niederungen des politischen Klüngels hinabsteigen sollte, da war die Mamma erst vollkommen dagegen. Dann dachte sie nach und schließlich erklärte sie dem Filius: „Wenn du spürst, dass du es tun musst, dann mach dir Mut und tu es . Wenn nicht, dann wärst du nicht der Sohn, den ich wollte und zu haben glaube.“ So erzählt Silvio Berlusconi im Fußballjargon seine „discesa in campo“, den Augenblick, in dem er sich auf dem Spielfeld präsentierte, um sein Land zu retten. Wovor? Nun vor dem Joch der Unfreiheit, unter das voll Hinterlist böse Kommunisten in Rom und rachsüchtige Richter in Mailand das schöne Italien, das neue Europa und wahrscheinlich die ganzen Welt zwingen wollen.


Niemand – das sagt Berlusconi und man muss es ihm glauben, schließlich ist er ein Gesalbter des Herrn (das sagt er auch selbst und wer mag es bezweifeln) – niemand also war besser geeignet für ein derart übermenschliches Unterfangen wie Berlusconi. Nicht obwohl, sondern gerade weil er kein Politiker ist. Wo die Politik versagt hat, da fängt Berlusconi endlich an.


Es haben ausgespielt all jene Nichtsnutze von Volksvertretern , die sich gierig am Busen hart arbeitender Unternehmer genährt haben - kann man solchen Aderlass etwa Korruption nennen? Statt Politiker zu bezahlen, die dann nicht tun, was er wünscht, hat Berlusconi die Geschäfte des Staates selbst in die Hand genommen. Er hat die Politik abgeschafft und durch gesundes Management ersetzt, langweilige Ideologie durch effizientes Marketing, statt eine Partei mit streitsüchtigen Mitgliedern hat er einen Fanclub auf die Beine gestellt. Die Rolle des Regierungssprechers haben seine hauseigenen Nachrichtensprecher übernommen.


Die Justizreform besorgen die Anwälte seines Vertrauens, die Finanzpolitik sein persönlicher Steuerberater, die Parteiführer seiner weitgefächerten Regierungskoalition nennt er seine Jungs, die sich manchmal austoben müssen- so umschreibt er wohlwollend die ständigen Krisen im eigenen Lager. Und dass er je stürzen könnte schließt er aus, denn er ist der Chef von Italien – derzeit auch von Europa. Ein Chef – so definiert sich Berlusconi - ist eigentlich ein gütiger Herr und Meister, der weiß wo es lang geht, und natürlich muss er zürnen, wenn die Jungs nicht spuren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann müsste der Abgeordnete Schultz zur Strafe bis zum Ende der italienischen Präsidentschaft in der Ecke des Straßburger Parlaments stehen.


Aber vielleicht kommt das ja noch. Wer weiß ob Berlusconi den EU-Ratsvorsitz jemals wieder abgibt. Was er einmal hat, das behält er. Ob sein Medienreich, seine Versicherungen Supermärkte, Filmfirmen, seine sieben Villen auf Sardinien und seine Schwarzgelder auf den Bahamas, seine Verlage und sein Marmormausoleum bei Mailand. Alles hart erarbeitet, mit eigenen Händen geschaffen, nur durch Fleiß und Ausdauer, alles Seins. Er hat es vorgemacht, alle anderen können es ihm gleichtun. Dazu braucht es keine Politik mehr. Nur viel Geld, gute Anwälte, jede Menge Chuzpe, ein mächtiges Medienmonopol und natürlich jede Menge willige Untergebene, die seinen Wohlstand mehren und mehren, mit Ausdauer und Fleiß. Berlusconi dankt es ihnen mit launigen Worten: noch ein Merkmal jener Ära des politischen Verfalls, die als „Berlusconismus“ in die Annalen der Weltgeschichte eingehen wird. Plattheit statt Politik, Humor statt harte Fakten, Witz anstelle von Wahrheit. Berlusconi hat immer einen auf Lager, zur Erheiterung und Entspannung fürs Volk und für den Papst für seine speziellen Freunde Vladmir und George Dabbleju.


Einer geht so: Berlusconi  will in den Himmel, läutet bei Petrus der geht zum Herrgott und sagt, da draußen steht einer, der behauptet er sei Berlusconi. Schick den Hochstapler weg, befiehlt der Allmächtige, sag ihm, ich bin schon längst hier. Sein neuester Witz: Berlusconi wird in Italien wegen seiner Arbeitswut oft als Deutscher bezeichnet. Die bisher noch unveröffentlichte Pointe: wäre er wirklich ein Deutscher, dann säße er möglicherweise zur Zeit im Knast. Welch ein Niedergang der Politik – nein nicht etwa wegen der zwielichtigen Vergangenheit des Signor Berlusconi. Sondern weil er seinen politischen Gegner nun auch noch jene Lächerlichkeit missgönnt, der er sich permanent selbst preisgibt und dabei auch noch reizende Einblicke in sein Privatleben vermittelt. „Meine Frau“, so erzählt er, „ hat die Koffer gepackt. Ziehst du wieder nach Hause zu deiner Mamma frage ich ? Sagt meine Frau: es sind deine Koffer, Liebling.“ Hinter allem steckt die Mamma – so schließt sich der Kreis.

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