Nummernschilder

Der Autoschilderwald Italiens


Eine Glosse von KARL HOFFMANN

Die allerersten sind heute bereits echte Antiquitäten. Weiß prangte es auf schwarzem Grund. MI für Milano, FI für Firenze, Florenz, BZ für Bozen und die Hauptstadt stand privilegiert und protzig ausgeschrieben ROMA auf den Autokennzeichen, und dann folgte die bis zu sechsstellige Nummer. Ein bißchen ähnelten die Schilder denen der Österreicher, eben weil sie schwarz waren. Das Billigste, was man mit den in den siebziger Jahren abgeschafften schwarzen Nummerschildern, hinten groß und quadratisch, vorne länglich und winzig klein, noch bekommen kann, ist ein Fiat 500 oder ein NSU-Prinz.


Als in den Großstädten die sechsstelligen Zahlen nicht mehr ausreichten, wurden Buchstaben zu den Zahlen und auch gleich neue Schilder eingeführt. Orange die Bezeichnung der Provinz - immer zwei Buchstaben - weiß die Zahlen und Buchstaben - immer noch auf schwarzem Grunde. Der jedoch fiel bald dem geeinten Europa und der entsprechenden Norm zum Opfer. Vor zehn Jahren wurden deshalb schon wieder neue Autokennzeichen eingeführt, die mitteleuropäisches Aussehen hatten - schwarze Buchstaben auf weißem Grund, und so gab es also drei verschiedene zu gleicher Zeit. Leichte Nostalgie machte sich breit. Die neuen Schilder waren vorne und hinten gleich groß und auch noch reflektierend. Immerhin waren sie noch keine Spielverderber.


Kinder und Erwachsene konnten sich nach wie vor mit dem Nummerschilderraten auf der Autostrada del Sole vergnügen. Welch eine Freude, wenn man auf einen NA-Wagen traf. NA für Napoli. Seltener noch die TS-Autos. Triest. Echte Renner PG, für Perugia, BO, Bologna, VR, Verona. Nur wirkliche Spezialisten konnten die CA, CS, CZ, Catania, Caserta und Catanzaro auseinander halten - aber alles war vorhanden vom AO, für Aosta bis zum PI für - ne, nich Pinneberg, sondern Pisa, AN war nicht Ansbach, sondern Ancona, BA Bari und nicht Bamberg. Und dann kam das Aus.


Da tauchten 1991 merkwürdige neue Buchstaben- und Zahlenkombinationen auf. AA, AC, AB, AZ und kein Mensch wusste mehr, woher der lahme Vordermann oder der rücksichtslose Überholer stammte, um ihm wenigstens einen geographisch zu rechtfertigenden Fluch hinterherzuschicken. Die Mailänder sind als Verkehrsrowdies, die Römer als Chaoten, die Sarden als besonders betuliche Autofahrer bekannt. Und nun waren plötzlich alle anonym. Nur noch willkürliche Kombinationen ohne jeden Ortsbezug. So sah die 4. Generation der italienischen Autokennzeichen aus, mit der man höchst unzufrieden war. Zur gleichen Zeit wurde die Regel eingeführt, dass ein Wagen zwar den Besitzer, aber nicht mehr das Nummernschild wechseln kann. Das Chaos ist perfekt. Entweder weiß man überhaupt nicht mehr, woher der Gegner im Straßenverkehr stammt, oder er versteckt sich hinter einem falschen Kennzeichen. Mit diesem verkehrstechnischen Zigeunertum soll jetzt Schluss gemacht werden. Das Auto bekommt demnächst nicht nur ein Schild mit blauem Euro-Italien-Zusatz, sondern auch einen mit dem Kürzel der Provinz, austauschbar falls Auto oder Besitzer den Wohnsitz wechseln. Auf das die alten Feindbilder auf Italiens Straßen wieder ihre angestammten Örtlichkeiten einnehmen und mindestens fünf verschiedene Kennzeichen für eine wohltuende Vielfalt im Autoschilderwald sorgen.


Juni 1997

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